Erklärung
Viktor Kortschnoi, geboren 1931 in Leningrad, wurde zu einem der hartnäckigsten Rivalen innerhalb der sowjetischen Spitze. Er gewann vier Meisterschaften der Sowjetunion und nahm zehnmal an der Kandidatenphase teil, dem Verfahren zur Auswahl des Herausforderers um den Weltmeistertitel.
1974 verlor er das Kandidatenfinale gegen mit nur einem Punkt Rückstand. Das war noch kein Titelkampf: Es wurde entschieden, wer Bobby Fischer herausfordern durfte. Nachdem Kortschnoi 1976 die Sowjetunion verlassen hatte, gewann er zwei aufeinanderfolgende Zyklen und spielte 1978 und 1981 tatsächlich gegen Karpow um die . Er verlor beide Wettkämpfe, doch der erste war äußerst eng.
Sein Stil war von Widerstandskraft und Gegenangriff geprägt. Gegenangriff bedeutet, auf gegnerischen Druck und Drohungen mit eigenen Drohungen zu antworten, statt sich nur zu verteidigen. Kortschnoi berechnete Möglichkeiten in schwierigen Stellungen und stellte selbst dann noch komplizierte Aufgaben, wenn er schlechter stand. Er blieb jahrzehntelang auf Weltniveau und spielte noch in einem Alter, in dem fast alle seine Zeitgenossen längst aufgehört hatten.
Die drei Kämpfe gegen Karpow
Die Unterscheidung zwischen 1974 und den beiden späteren Wettkämpfen ist wichtig für das Verständnis seiner Karriere. 1974 ging es noch um das Recht, Weltmeister Bobby Fischer herauszufordern. 1978 in Baguio spielte Kortschnoi bereits als Emigrant aus der Sowjetunion. In einem Wettkampf, den der erste Spieler mit sechs Siegen gewann, geriet er mit fünf Siegen zu zwei in Rückstand. Er glich auf fünf Siege aus und verlor dann die 32. Partie, die die Weltmeisterschaft entschied. Der Stand nach Siegen erklärt diese Aufholjagd besser als die Gesamtpunktzahl, die auch Remis einschließt.
Sein Sieg in der 31. Partie zeigt etwas, das die Bezeichnung als Kämpfer verdecken kann: Er beherrschte auch lang anhaltenden strategischen Druck. Er stabilisierte den Damenflügel, stellte einen Springer auf ein starkes Feld und bereitete den zentralen Bauernhebel vor. Danach musste er ein Turmendspiel bearbeiten. Der Sieg entstand nicht aus einer einzelnen Kombination, sondern aus einer Folge von Entscheidungen über Raum, Aktivität und das Eindringen des Königs. Jonathan Speelmans Analyse lässt diese Veränderung nachvollziehen, ohne die gesamte Partie als von Anfang an gewonnen darzustellen.
Mit aktiven Möglichkeiten verteidigen
Kortschnois Widerstandskraft bestand nicht darin, einfach auf Fehler zu warten. Eine unbequeme Stellung zu akzeptieren verlangt, unmittelbare Drohungen von noch hinnehmbarem Druck zu unterscheiden, Figuren mit eigenen Möglichkeiten zu behalten und zu berechnen, wann sich die Prioritäten ändern. So lassen sich seine Partien sinnvoll studieren: Man notiert, welche gegnerische Drohung jede Entscheidung abwehrt und welche eigene Möglichkeit sie offenhält.
Sein Spiel darf auch nicht auf Gegenangriffe reduziert werden. Seine Endspielbeherrschung zeigt sich in seinen eigenen Partiensammlungen und in Practical Rook Endings. In einem Turmendspiel kann eine aktive Figur schwerer wiegen als eine ordentlich aussehende Bauernstruktur. Den König abzuschneiden, von hinten anzugreifen und Schachgebote bereitzuhalten sind Möglichkeiten, die man während der gesamten Zugfolge verfolgen sollte.
Eine Karriere mit fortdauernden Erfolgen
Kortschnoi gewann die Seniorenweltmeisterschaft 2006 und mit 78 Jahren die Schweizer Meisterschaft 2009. In Gibraltar 2011 besiegte er Fabiano Caruana mit Schwarz. Diese konkreten Erfolge erklären seine lange Karriere besser, als sie nur als Alterskuriosität zu behandeln. Er starb 2016. Seine Partien führen durch verschiedene Schachgenerationen und zeigen, wie ein und derselbe Spieler sein Repertoire und seine Entscheidungen sehr unterschiedlichen Gegnern anpasst.
Häufige Verwechslungen
Der Wettkampf 1974 ging um den Weltmeistertitel
Es war das Kandidatenfinale. Die offiziellen Weltmeisterschaftskämpfe zwischen Kortschnoi und Karpow fanden 1978 und 1981 statt.
Quellen
- 1.Viktor Korchnoi, World Chess Hall of Fame & Galleries
- 2.In Memoriam Viktor Korchnoi, European Chess Union
- 3.Jonathan Speelman pays tribute to Viktor Korchnoi, ChessBase / Jonathan Speelman
