Erklärung
Harry Nelson Pillsbury lernte mit 16 Jahren Schach, ungewöhnlich spät für einen künftigen Spitzenspieler. Nur wenige Jahre später überraschte er die Schachwelt mit seinem Sieg in Hastings 1895, einem der bis dahin stärksten Turniere. 1897 gewann er die US-Meisterschaft und behielt den Titel bis zu seinem Tod 1906.
Pillsbury besaß ein außergewöhnliches Gedächtnis. Bei einer Simultanvorstellung spielt ein Spieler gleichzeitig gegen mehrere Gegner. Er konnte dies außerdem blind tun, ohne die Bretter anzusehen und mit jeder Stellung im Kopf. 1902 spielte er auf diese Weise 22 Partien in Moskau und weitere 21 in Hannover.
Sein Spiel war dynamisch: Er suchte Aktivität und Angriffschancen, statt lediglich eine stabile Stellung zu bewahren. Er trug auch zur Verbreitung des Damengambits bei, einer Eröffnung, die vorübergehend einen Bauern anbietet, um um das Zentrum zu kämpfen. Gesundheitliche Probleme verkürzten seine Karriere, doch sein Sieg in Hastings und seine Gedächtnisvorführungen gaben ihm bleibende Bedeutung.
Warum Hastings seine Karriere veränderte
Pillsbury, geboren 1872, kam mit weit geringerem internationalem Ansehen als die etablierten Größen nach England. vereinte Weltmeister Emanuel Lasker, Exweltmeister Wilhelm Steinitz und Anwärter wie Michail Tschigorin und Siegbert Tarrasch. In diesem Umfeld Erster zu werden machte aus einem wenig bekannten jungen Amerikaner einen möglichen Gegner für jeden von ihnen.
Der Sieg brachte ihm keinen Weltmeistertitel. Dieser wurde in einem Wettkampf gegen den Titelträger entschieden, nicht durch einen Turniersieg, wie stark das Feld auch sein mochte. Die Unterscheidung ist wichtig, weil manche älteren Darstellungen seinen Erfolg mit einem Titelgewinn verwechselten. Auch seine US-Meisterschaft gehörte zu einem anderen Wettbewerb und darf nicht mit dem Ergebnis von Hastings vermischt werden.
Wie er den Angriff vorbereitete
In vielen Damengambitstellungen kann ein weißer Springer auf e5 zum Stützpunkt eines Angriffs werden. Kann Schwarz ihn weder mit einem Bauern vertreiben noch günstig tauschen, beeinflusst er Felder nahe dem König, während weitere Figuren eingreifen. Der Vorstoß des f-Bauern kann den Vorposten verstärken, verändert aber die Sicherheit des eigenen Königs und muss durch die Stellung gerechtfertigt sein.
Diese Verbindung zwischen zentralem Vorposten und Flügelangriff hilft, das mit Pillsbury verbundene Schach zu verstehen. Die Schlusskombination entsteht nicht aus dem Nichts: Zuvor müssen das Zentrum gesichert, Dame und Läufer koordiniert und mögliche gegnerische Bauernhebel geprüft werden, die den Plan widerlegen könnten. Das Studium dieser Vorbereitung verhindert, dass eine Musterpartie zu einer gedankenlos kopierten Zugfolge wird.
Das bewahrt seinen Namen im taktischen Wortschatz. Das Muster zu erkennen ist nützlich. Wertvoller ist es aber, zu verfolgen, wie die Figuren ihre Felder für das Zusammenspiel erreichten und welche Verteidigungen beseitigt wurden.
Vorführungen und Berufsleben
Blindschachsimultan war auch eine öffentliche und berufliche Tätigkeit. Es bot dem Publikum etwas anderes als Turnierschach und erlaubte einem Meister, seine Karriere durch Reisen zu finanzieren. Von Edward Winter gesammelte zeitgenössische Berichte zeigen, dass außergewöhnliches Talent keine wirtschaftliche Sicherheit garantierte.
Sein Tod mit 33 Jahren hinterließ eine kurze, aber ausreichend vielseitige Karriere, um Eröffnungen, Angriffe und praktische Entscheidungen gegen große Gegner zu studieren. Das Gedächtnis erklärt einen Teil seiner Vorführungen; die Qualität seiner Partien verlangt zusätzlich Verständnis und Berechnung. Diese Leistungen hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar.
Quellen
- 1.Harry Nelson Pillsbury, World Chess Hall of Fame & Galleries
- 2.Harry Nelson Pillsbury, Chess Notes / Edward Winter
- 3.Congress History: Hastings 1895, Hastings International Chess Congress
