Erklärung
Wassili Smyslow erreichte 1954 erstmals einen Weltmeisterschaftskampf, nachdem er den Kandidatenzyklus gewonnen hatte. Gegen Michail Botwinnik spielte er unentschieden; nach den damaligen Regeln behielt Botwinnik die Krone. Smyslow qualifizierte sich erneut und besiegte ihn 1957. Damit wurde er der siebte Weltmeister. Im Revanchekampf von 1958 holte Botwinnik den Titel zurück.
Sein Stil wird oft als harmonisch beschrieben, weil seine Figuren ohne überflüssige Züge zusammenzuwirken schienen. Er war ein großer Positionsspieler , der die Stellung seiner Figuren schrittweise verbessern konnte, und ein Spezialist für Endspiele. In dieser Phase mit wenigen Figuren gewinnen jedes Feld und jedes Tempo große Bedeutung. Diese Klarheit schloss Taktik nicht aus: Wenn die Stellung es erforderte, berechnete er konkrete Schläge mit großer Genauigkeit.
Seine lange Laufbahn war außergewöhnlich. 1984 bestritt er mit 63 Jahren das Finale um das Recht, den herauszufordern, und 1985 nahm er erneut am Kandidatenturnier teil. 1991 gewann er mit 70 Jahren die erste Seniorenweltmeisterschaft des Weltschachbundes. Abseits des Brettes war er auch Opernsänger mit einer Baritonstimme.
Zwei Siege im Kandidatenturnier
Smyslow wurde 1921 geboren und rückte nach dem Krieg ins Zentrum des Kampfes um die Weltmeisterschaft. Er gewann mit zwei Punkten Vorsprung vor Bronstein, Keres und Reshevsky. Die fünfzehn Teilnehmer spielten jeweils zweimal gegeneinander. Das Turnier prüfte neben der Spielstärke auch Ausdauer und Vorbereitung. Sein Erfolg beruhte nicht auf einer einzigen Glanzpartie, sondern darauf, seine Leistung über einen langen Wettbewerb hinweg zu halten.
Der unentschiedene Wettkampf von 1954 brachte ihn nicht von diesem Ziel ab. 1956 gewann er erneut das Kandidatenturnier und trat wieder gegen Botwinnik an. 1957 siegte er mit 12.5-9.5. Seine Regentschaft dauerte nur ein Jahr, weil die Regeln dem entthronten Weltmeister einen direkten Revanchekampf zugestanden. Die kurze Dauer seines Titelbesitzes ist deshalb zusammen mit seinen beiden Qualifikationssiegen und drei Weltmeisterschaftskämpfen zu betrachten, nicht als Zeichen eines Zufallserfolgs.
Was Harmonie am Brett bedeutet
Von Harmonie zu sprechen ist hilfreich, wenn damit konkrete Aufgaben gemeint sind. Eine Figur schützt eine andere und wirkt zugleich an einem Plan mit. Ein Turm besetzt eine Linie, über die er tatsächlich eindringen kann. Der König gelangt ins Zentrum, sobald er keinen sicheren Unterschlupf mehr braucht. Wenn mehrere Figuren miteinander vereinbare Aufgaben erfüllen, braucht der Spieler weniger Züge, um auf eine Veränderung der Stellung zu reagieren.
In Smyslows Partien lohnt es sich, die am wenigsten aktive Figur zu bestimmen und zu verfolgen, wie sie ein nützliches Feld findet. Prüfe anschließend, welche taktischen Möglichkeiten das Manöver absichern. Ein klarer Plan macht das Rechnen nicht überflüssig; häufig beschränkt er die Auswahl auf die wirklich wichtigen Möglichkeiten. So verwechselt man eine einfach wirkende Stellung nicht mit einer leichten Partie.
Vom Mittelspiel ins Endspiel
Seine Technik zeigt, wie sich ein Vorteil nach einem Damentausch bewahren lässt. Die Aktivität des Königs, das Zusammenspiel von Turm und Leichtfigur sowie der richtige Zeitpunkt für die Bildung eines Freibauern können wichtiger sein als ein sofortiger Materialgewinn. Es ist lehrreich, vor einem Abtausch innezuhalten und das von ihm angestrebte Endspiel mit demjenigen zu vergleichen, das sein Gegner lieber vermeiden würde.
Er komponierte auch Studien und hinterließ Sammlungen von Partien und Endspielen. Seine Verbindung zur Musik drückt eine persönliche Vorliebe für Zusammenspiel und Klarheit aus. Seine schachlichen Entscheidungen lassen sich jedoch auch ohne Metaphern analysieren. Er starb 2010. Die lange Wettkampfphase nach seiner Regentschaft erlaubt es, dasselbe positionelle Verständnis im Spiel gegen sehr unterschiedliche Generationen zu untersuchen, bis hin zu seinem Kandidatenkampf gegen Kasparow.
Quellen
- 1.Vasily Smyslov, FIDE Open Chess Museum
- 2.World Champions Timeline, International Chess Federation (FIDE)
- 3.Vasily Smyslov 1921-2010, The Week in Chess / Mark Crowther
